Großstadtgeflüster

Sie werden auf dem Punkfestival im Pott ganz genauso abgefeiert wie auf der Vernissage in Berlin-Mitte. Jen Bender, Raphael Schalz und Chriz Falk müssen sich niemandem anpassen, weil sie ihre Musik selbst schreiben und ihre Platten komplett in Eigenregie produzieren. Grossstadtgeflüster schicken uns auf einen wilden Ritt durch Elektro, NDW, Rock, Rave und Experimental – oder hätte man nur ein Wort dafür:

Über-Drüber-Pop.

Hätte man einen ganzen Satz, um das umtriebige Berliner Trio zu beschreiben, dann wäre es vielleicht dieser: Grossstadtgeflüster sind unartige Hippies 2.0 mit großer Klappe und einer Liveshow, die kratzt, beißt, johlt, schnurrt und genüsslich in den Allerwertesten tritt. Nach zehn Bandjahren, drei Studio-Alben und Hunderten von Konzerten präsentieren die durchgeknallten Tausendsassas ihr brandneues Album:

„Oh, ein Reh!“.

Die hochunterhaltsamen Texte und tanzbaren Beats sind geblieben, werden auf den dreizehn neuen Songs allerdings bis zum Anschlag gefahren. Genres werden lustvoll aufgerissen, um beim nächsten Lied energisch wieder zugeschlagen zu werden. In Sachen Schublade haben GSGF es sich tatsächlich nie leichtgemacht, denn Freigeist war ihnen schon immer wichtiger als Zeitgeist. Sie machen uns neugierig, locken uns aus der Komfortzone und lassen uns gegen die Wand fahren – aber nicht ohne den Airbag vorher mit Zuckerwatte und bunten Luftschlangen gefüllt zu haben.

„Irgendwo und irgendwann trifft man sowieso den Sensenmann –
und dann denkt man bestimmt nicht: ‚Oh, ich war zu selten im Büro!’“

Auf Oh, ein Reh!“ sind ein paar aufgekratzte Soundexperimente hemmungslos ausufernden Hymnen gewichen und das Textpendel schlägt tendenziell vom Gegen-Schlechte-Dinge-Sein der Vorgänger gen Für-Gute-Dinge-Sein aus. „Oh, ein Reh!“ ist eine gut gelaunte Aphorismen-Schleuder, die nachdenklichen Weltschmerz in herrlich zynische Strophen verwandelt und komplexe Überlebensstrategien in griffige Refrains verpackt. Falls GSGF jemals eine Daseinsberechtigung nötig hatten, dann ist es der maßlose Spaß, den man der kleinen großen Frontfrau Jen und ihren Mitstreitern auf diesem Album besonders anhört.

„Wir haben ein Riesenrad ab, das völlig durchdreht.
Wir knutschen alles ab, was uns dabei im Weg steht.
Wir sind ein bisschen drauf und auch ein bisschen dran,
die Welt zu retten, aber damit fangen wir später an.“

Nein, Grossstadtgeflüster sind bestimmt nicht die richtige Band, um jemandem zu ihrer Musik an einem romantischen Ort einen zärtlichen Antrag zu machen. Aber würden alle Menschen GSGF hören, gäbe es wahrscheinlich überall romantische Orte, an denen sich alle gleichzeitig spontan heiraten wollen würden.

www.gsgf.de
www.facebook.com/grossstadtgefluester


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